Unterrichtsentwicklung im Startchancen-Programm systematisch gestalten

Fallstudie zur Planung und Durchführung des ersten Fortbildungsmoduls am Schulcampus Rostock-Evershagen

Die folgende Fallstudie zeigt am Beispiel des Schulcampus Rostock-Evershagen, wie eine längerfristige Fortbildungsreihe an einer Startchancen-Schule vorbereitet und umgesetzt werden kann. Die Zusammenarbeit begann mit der Abstimmung der schulischen Entwicklungsziele und einer anonymisierten Potenzialanalyse im Kollegium. Auf dieser Grundlage entstand eine dreiteilige Fortbildungsreihe, deren Schwerpunkte über mehrere Schuljahre verteilt bearbeitet werden.

Das erste Modul fand am 9. April 2026 vor Ort an der Schule statt und widmete sich der Unterrichtsentwicklung. Die Fallstudie beschreibt die Vorbereitung des Kollegiums, die Erhebung und Auswertung der schulischen Bedarfe sowie die daraus entwickelte Verbindung aus gemeinsamen Fortbildungsschwerpunkten, niveaudifferenzierten Gruppen und frei wählbaren Vertiefungsangeboten.

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Autor: Stefan von Burggraf Frieling

Geschäftsführer des Calleo Instituts

Inhaltsverzeichnis

1. Ausgangspunkt und Zielsetzung

Viele Startchancen-Schulen verfolgen mehrere Entwicklungsziele gleichzeitig. Häufig betreffen diese die fächerübergreifende Unterrichtsentwicklung, fachspezifische Anforderungen, die individuelle Förderung von Schülerinnen und Schülern, die Lehrergesundheit sowie den professionellen Umgang mit Belastungen, Konflikten und anspruchsvollen Gesprächssituationen. Hinzu kommen schulspezifische Aufgaben, etwa die didaktisch sinnvolle Einbindung einer vorhandenen Lernplattform. Eine längerfristige Fortbildungsreihe bietet die Möglichkeit, diese unterschiedlichen Entwicklungsfelder schrittweise und in einer für das Kollegium passenden Reihenfolge zu bearbeiten.

Als das Calleo Institut zu Beginn des Schuljahres 2025/26 gemeinsam mit dem Schulcampus Rostock-Evershagen in die Planung ging, wurden entsprechend mehrere Bedarfe benannt. Dazu gehörten die fächerübergreifende Weiterentwicklung des Unterrichts, spätere fachspezifische Vertiefungen, Themen der Lehrergesundheit und Kommunikation sowie die didaktische Nutzung der schulischen Lernplattform itslearning. Gemeinsam mit dem Schulleitungsteam wurde deshalb eine dreiteilige Fortbildungsreihe über einen Zeitraum von zwei Schuljahren entwickelt, deren Module zeitlich und inhaltlich aufeinander aufbauen.

Das erste Modul sollte den Grundstein für die gesamte Reihe legen und das Kollegium an einem gemeinsamen Fortbildungstag zusammenführen. Die fächerübergreifende Unterrichtsentwicklung eignete sich dafür besonders, da sie sowohl vom Schulleitungsteam als auch aus dem Kollegium heraus als wichtiges Entwicklungsfeld benannt worden war und für alle Lehrkräfte unabhängig von Fach und Klassenstufe relevant ist. Die weiteren Bedarfe wurden bewusst für die folgenden Module vorgesehen, damit sie im weiteren Verlauf der Reihe ausführlicher und teilweise in kleineren oder fachspezifischen Gruppen bearbeitet werden können.

2. Systematische Bedarfsanalyse und Konzeptentwicklung

Kollegien unterscheiden sich häufig deutlich hinsichtlich ihrer Erfahrungen, Arbeitsweisen, digitalen Vorkenntnisse und Fortbildungswünsche. Deshalb empfiehlt das Calleo Institut zu Beginn einer längerfristigen Zusammenarbeit standardmäßig eine Potenzialanalyse. Sie ermöglicht eine fundierte Bestandsaufnahme und zeigt, welche Kompetenzen im Kollegium bereits vorhanden sind, in welchen Bereichen gemeinsame Entwicklungsbedarfe bestehen und welche Themen aufgrund unterschiedlicher Interessen oder Voraussetzungen differenziert geplant werden sollten. Vor der Erhebung stellte das Calleo Institut dem gesamten Kollegium in einer Videokonferenz die Potenzialanalyse, ihre Funktion innerhalb der Fortbildungsreihe und die weiteren Planungsschritte vor. Die Lehrkräfte konnten dabei eigene Fragen einbringen und erhielten einen Überblick über den Ablauf bis zum ersten Fortbildungstag sowie eine Einordnung der gesamten Fortbildungsreihe.

Potenzialanalyse als Grundlage der Planung

Die anonymisierte Potenzialanalyse erfasste systematisch verschiedene Bereiche der Unterrichtspraxis. Dazu gehörten Klassenführung und Unterrichtsstörungen, die Gestaltung von Erarbeitungs- und Präsentationsphasen, Diagnostik und Wissensüberprüfung, individuelle Förderung und Feedback sowie die Unterrichtsvorbereitung und Unterrichtsnachbereitung. Ergänzend wurden Belastungen im Schulalltag, der Einsatz analoger und digitaler Methoden, die Nutzung Künstlicher Intelligenz und die Arbeit mit der schulischen Lernplattform berücksichtigt. Die Lehrkräfte gaben an, welche Verfahren sie bereits einsetzten, in welchen Bereichen Kenntnisse und Erfahrungen vorhanden waren und zu welchen Themen sie sich weitere Unterstützung wünschten.

Auf diese Weise entstand eine anonymisierte Status-quo-Erhebung für den Beginn der Fortbildungsarbeit. Die Auswertung machte sichtbar, welche Themen das gesamte Kollegium betrafen und sich für die Entwicklung gemeinsamer schulischer Standards eigneten. Zugleich wurden heterogene Bedarfe erkennbar, die in frei wählbaren Kleingruppen oder in späteren Modulen vertieft werden konnten. Die Potenzialanalyse bildete damit eine Planungsgrundlage für die gesamte Fortbildungsreihe, auch wenn im ersten Modul zunächst ausgewählte Schwerpunkte bearbeitet wurden.

Auswertung und Fortbildungsdesign

Für das erste Modul ergaben sich zwei schulweit relevante Entwicklungsfelder. 70 Prozent der beteiligten Lehrkräfte sahen Fortbildungsbedarf bei der Entwicklung zeitgemäßer Aufgaben- und Prüfungsformate im Zeitalter generativer KI. Gerade bei Erarbeitungs- und Präsentationsphasen können Texte, Hausaufgaben oder Präsentationen inzwischen weitgehend mithilfe von KI erstellt werden. Für Lehrkräfte wird es dadurch schwieriger, die eigenständige Auseinandersetzung und die tatsächlich erbrachte fachliche Leistung der Schülerinnen und Schüler zuverlässig zu erkennen und zu bewerten. Die Potenzialanalyse zeigte außerdem Entwicklungsmöglichkeiten beim formativen Feedback. Ein großer Teil des Kollegiums erhob Unterrichtsfeedback bislang selten und überwiegend schriftlich. Regelmäßige Rückmeldungen können Hinweise zur Verständlichkeit der Wissensvermittlung, zum Lernklima, zur Wirkung der eingesetzten Methoden und zum individuellen Unterstützungsbedarf geben.

Auf Empfehlung des Calleo Instituts entschied sich das Schulleitungsteam deshalb, formatives Feedback sowie zeitgemäße Aufgaben- und Prüfungskultur am Vormittag verbindlich mit dem gesamten Kollegium zu bearbeiten. Da beide Themen mit digitalen Medien und generativer KI verbunden waren, wurden die Lehrkräfte anhand einer ergänzenden Vorabfrage drei Niveaustufen von Einsteigerinnen und Einsteigern bis zu Fortgeschrittenen zugeordnet. Für den Nachmittag wurden über eine Anmeldeabfrage frei wählbare Angebote zusammengestellt, die unterschiedliche Interessen und Unterstützungswünsche aufgriffen. Das Fortbildungsdesign verband damit gemeinsame Schulentwicklungsziele mit individuellen Wahlmöglichkeiten für die Lehrkräfte.

3. Durchführung des Fortbildungstags

Der erste Fortbildungstag fand am 9. April 2026 vor Ort am Schulcampus Rostock-Evershagen statt. Rund 80 Lehrkräfte nahmen jeweils an einer Veranstaltung am Vormittag und am Nachmittag teil. Sieben Dozentinnen und Dozenten des Calleo Instituts führten insgesamt 14 Fortbildungsimpulse in parallelen Kleingruppen durch. Am Vormittag arbeiteten alle Gruppen an formativem Feedback sowie an zeitgemäßen Aufgaben- und Prüfungsformaten in Zeiten generativer KI. 

Die drei zuvor gebildeten Niveaustufen ermöglichten es, Vermittlungstempo, Beispiele und praktische Übungen an die digitalen Vorkenntnisse der Lehrkräfte anzupassen.

Die drei zuvor gebildeten Niveaustufen ermöglichten es, Vermittlungstempo, Beispiele und praktische Übungen an die digitalen Vorkenntnisse der Lehrkräfte anzupassen.

  • Klassenführung und Lernklima: Die Lehrkräfte erarbeiteten Möglichkeiten, Unterrichtsabläufe klar zu strukturieren, die Beteiligung der Lernenden zu fördern und ein konstruktives Klassenklima zu unterstützen.
  • KI-gestützte Unterrichtsvorbereitung und Unterrichtsnachbereitung: Einsteigerinnen und Einsteiger sowie fortgeschrittene Anwenderinnen und Anwender arbeiteten in unterschiedlichen Niveaustufen daran, wie KI bei der Planung, Erstellung und Anpassung von Unterrichtsmaterialien sowie bei wiederkehrenden Arbeitsprozessen eingesetzt werden kann.
  • Digitale Heftführung und kollaborative Arbeitsprozesse: Die Fortbildungen zeigten, wie eigene Unterrichtsmaterialien digital strukturiert, visualisiert und gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern bearbeitet werden können. Im Mittelpunkt standen eine übersichtliche Organisation und die Arbeitserleichterung im Unterrichtsalltag.
  • Interaktive Lernpfade, Diagnostik und Wissensüberprüfung: Die Lehrkräfte entwickelten interaktive Übungen und Lernwege, mit denen Lernstände regelmäßig erhoben werden können. Automatisierte Auswertungen schaffen dabei eine Grundlage, um Unterstützungsbedarfe frühzeitig zu erkennen und den weiteren Unterricht differenziert zu planen.

Die kleinen Gruppen ermöglichten eine aktive Mitarbeit, den direkten Austausch mit den Referierenden und ausreichend Zeit für die praktische Erprobung. Die Dozentinnen und Dozenten konnten Fragen, unterschiedliche Arbeitsgeschwindigkeiten und thematische Interessen unmittelbar aufgreifen und die Veranstaltungen am Fortbildungstag flexibel an die jeweilige Gruppe anpassen.

4. Evaluation und weitere Planung

Die Lehrkräfte konnten ihre Vormittags- und Nachmittagsveranstaltungen jeweils separat und anonym bewerten. Insgesamt gingen 127 Einzelbewertungen ein. Die durchschnittliche Bewertung lag bei 4,3 von 5 Sternen. 84,25 Prozent der Bewertungen entfielen auf gut oder ausgezeichnet, und 95 Prozent der Rückmeldungen bestätigten, dass die Teilnehmenden ihre Kenntnisse und Fähigkeiten durch die Seminare erweitern konnten. Die Veranstaltungen am Vormittag und am Nachmittag wurden gleichermaßen positiv aufgenommen.

Auch die schriftlichen Rückmeldungen bestätigten den Praxisbezug, die verständliche Vermittlung und die fachliche Kompetenz der Referierenden. Mehrere Lehrkräfte wünschten sich für die weitere Fortbildungsarbeit eine stärkere Differenzierung nach Unterrichtsfächern und Klassenstufen. Damit bestätigte das Kollegium zugleich einen Schwerpunkt, den das Schulleitungsteam bereits für die folgenden Module vorgesehen hatte: die fachspezifische Vertiefung ausgewählter Bereiche der Unterrichtsentwicklung.

Im anschließenden Reflexionsgespräch wurden die Evaluationsergebnisse gemeinsam mit dem Schulleitungsteam eingeordnet und mit der weiteren Planung der dreiteiligen Fortbildungsreihe verbunden. Die nächsten Module sollen die fachspezifische Unterrichtsentwicklung, Lehrergesundheit und weitere schulische Bedarfe aufgreifen. Auch die didaktische Vertiefung der Lernplattform itslearning bleibt Bestandteil der längerfristigen Zusammenarbeit. Auf diese Weise führen die folgenden Module die Entwicklungsarbeit fort, die mit dem gemeinsamen Fortbildungstag zur Unterrichtsentwicklung begonnen wurde.

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Autor: Stefan von Burggraf Frieling

Geschäftsführer des Calleo Instituts

Stefan Burggraf von Frieling ist als Dozent an über 20 Universitäten tätig und ausgebildeter Gymnasiallehrer. Als Geschäftsführer des Calleo Instituts berät er Kultusministerien, Schulen und Führungskräfte in der Schullandschaft in den Bereichen Strategiemanagement, Digitalisierung & Lernpsychologie.

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